von Leslie J. Cross (1914–1979)

Aus dem Heft „Pioneers of the New Age“, erstmals veröffentlicht 1974 von der Vegan Society (Seiten 18–19).

Nicht-kommerzielle Übersetzung von @youarethemonstertothem - die Rechte am Originaltext liegen beim Autor bzw. den jeweiligen Rechteinhabern.

Aus_dem_Staub_des_Krieges.pdf

Meine Frau und ich sind seit zweiunddreißig Jahren Veganer – zwei Jahre länger, als es die Vegan Society und das Wort „vegan“ überhaupt gibt. Wir verzichteten auf Milchprodukte zu einer schwierigen Zeit – im Jahr 1942, während des Zweiten Weltkriegs.

Im Jahr 1940 war ich Vegetarier geworden, hauptsächlich wegen der Fleischpreise, und fand bald heraus, dass es noch ganz andere Argumente zu bedenken gab. Eines davon war so erschütternd, dass der Schritt hin zum Veganismus ganz spontan erfolgte. Ich entdeckte, dass man, um Kuhmilch kommerziell verfügbar zu machen, das Kalb von seiner Mutter trennen muss. Ich kann die gewaltige Wirkung, die diese Erkenntnis auf mich hatte, kaum in Worte fassen: Es schien mir, als würde sie die Menschheit in ihrer Gesamtheit beschämen. Wie Millionen andere hatte ich bis dahin geglaubt, dass Kühe irgendwie auf natürliche Weise einfach Milch geben. Ich hatte keine Ahnung, dass man sie einmal im Jahr schwängern muss, damit ihr Körper Milch produziert. Als ich die Wahrheit erfuhr („Bring den Bullen zur Kuh, und wenn das Kalb kommt, töte es, damit wir die Milch haben können“), war ich frei, mich von dieser Grausamkeit zu distanzieren.

Das geschah im Jahr 1942, und einige Monate später begann ich eine Korrespondenz in dem damaligen Vegetarian Messenger über die Moralität des Milchkonsums bei Vegetariern. Herr Donald Watson, damals Sekretär der Leicester Vegetarian Society, griff diese Korrespondenz auf, gründete eine Gruppe von Vegetariern, die auf Milchprodukte verzichteten, und bat die Vegetarian Society, diese Gruppe als Sektion innerhalb der Gesellschaft aufzunehmen. Diese Erlaubnis wurde verweigert – und so war es gewissermaßen die Vegetarian Society selbst, die die Entstehung der Vegan Society auslöste. Das war im Jahr 1944. Das Wort „vegan“ wurde aus verschiedenen, teils recht absonderlichen Vorschlägen ausgewählt und besteht aus dem Anfang („VEG“) und dem Ende („AN“) des Wortes „vegetarian“.

Während des Krieges bekamen wir zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, und obwohl es kaum Daten oder Erfahrungswerte gab, zogen wir sie erfolgreich vegan auf. Sie wurden gelegentlich medizinisch untersucht und bestanden alle Tests problemlos. Menschen lobten ihre klaren Augen, gesunden Zähne, reine Haut und unermüdliche Vitalität. Heute sind sie noch immer wohlauf, verheiratet und in ihren Dreißigern. Auch meine Frau und ich leben noch – wir sind nun über sechzig und Großeltern.

Wir sind keine „Ernährungsreformer“. Ich glaube nicht, dass Gesundheit in erster Linie mit Ernährung beginnt; sie beginnt mit Glück – mit innerem Frieden. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mit dem beschäftige, was um mich herum geschieht – im Gegenteil, ich bin sehr wohl in dieser Welt. Ich erkannte zum Beispiel sehr deutlich, wie schwer es für viele war, ohne Milchprodukte auszukommen – besonders ohne Milch. Mir wurde klar, dass zwar Menschen wie ich sich damit arrangieren konnten, für die meisten aber der soziale Druck groß war und ein Ersatz für Milch hilfreich wäre. Ich gründete die Plantmilk Society (ein weiteres erfundenes Wort). Aus der Arbeit dieser ehrenamtlichen Gesellschaft entstand schließlich Plantmilk Ltd., gegründet 1961, um die von der Society geleistete Forschungsarbeit kommerziell anzuwenden. Einige Jahre später (1965) erschien in einigen wenigen Läden in London die erste Dose dessen, was heute unter dem Namen Plamil bekannt ist. Hergestellt und abgefüllt wurde sie von diesem Pionierunternehmen in einem kleinen, improvisierten Betrieb in Langley, Buckinghamshire. Heute ist die Firma in deutlich besseren Räumlichkeiten in Folkestone untergebracht – mit dem Ortswechsel endete jedoch auch meine direkte Verbindung mit dem Unternehmen, das ich mitbegründet hatte.

Die einzige ernsthafte Frage, die über dem Veganismus schwebte, war das Thema Vitamin B12. Ich gestehe, ich halte durchaus etwas von dem Argument, dass dieses Vitamin – das nie direkt gefunden wird, sondern nur als Resultat mikrobiologischer Aktivität – für den Fortschritt des Veganismus von Bedeutung ist. Ich möchte meine Begründung dafür geben: Einige frühe Veganer wurden krank, und das hat viele potenzielle Veganer abgeschreckt. Gesunde Veganer dagegen wurden kaum wahrgenommen. Es scheint, dass manche Menschen die natürliche Fähigkeit verloren haben, das Vitamin B12, das durch Mikroorganismen im eigenen Darm synthetisiert wird, zu verwerten. Andere haben diese Fähigkeit nicht verloren – daher dieses verwirrende Bild, bei dem manche Menschen nach der Umstellung auf eine vegane Ernährung sehr erfolgreich leben und andere nicht. Die naheliegende Schlussfolgerung ist, dass erstere ihr eigenes Vitamin B12 verwerten können und letztere nicht. Ich bin hinreichend überzeugt, dass diese Schlussfolgerung berechtigt ist – und dass es deshalb klug ist, Vitamin B12 in die vegane Ernährung einzubeziehen. Ich sage nicht, dass es in allen Fällen notwendig ist (im Gegenteil, ich bin sicher, dass dem nicht so ist), aber es ist eine vernünftige Maßnahme und kann keinen Schaden anrichten. Plamil und einige andere vegane Lebensmittel enthalten Vitamin B12 in ihrer Rezeptur. Wo behauptet wird, dass B12 in Pflanzen vorkommt, sollte man sich bewusst machen, dass das – wenn es zutrifft – nicht an der Pflanze selbst liegt, sondern an dem Boden, auf dem sie gewachsen ist und der Mikroorganismen enthält, die B12 produzieren. Die Wurzel der Pflanze nimmt es dann auf. Es hängt eben, wie man sagt, alles vom Boden ab!

Wie man eine vegane Ernährung angeht, hängt ebenso sehr von der Persönlichkeit ab wie von den körperlichen Bedürfnissen. Wenn man sich Sorgen macht, ist es wichtig, diese entweder als unbegründet zu erkennen oder etwas dagegen zu unternehmen. Sorge schadet einem weit mehr als schlechtes Essen. Was die Ernährung selbst betrifft, so scheint gesunder Menschenverstand plus Vitamin B12 derzeit die beste Antwort zu sein. Der gesunde Menschenverstand rät zu Lebensmitteln aus gesunden Böden, einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Wurzel, Blatt und Frucht – wozu auch Nüsse, Getreide und Hülsenfrüchte gehören – und vielleicht schon bald auch die neue englische Sorte der Gartensojabohne.